Nach zehn Jahren lohnt sich, denke ich, die erneute Lektüre dieser Autobiografie seiner Jahre im Versteck. Spannend wird sicher auch, parallel zu schauen, was inzwischen aus bestimmten Personen der Zeitgeschichte geworden ist.

Zum Beispiel Keith Vaz, der britisch-indische Labour-Abgeordnete im Unterhaus. Der fand die Geschehnisse laut Buch in einem Anruf "entsetzlich, total entsetzlich" und versprach seine "volle Unterstützung" - um dann einige Wochen später nach einer 3000köpfigen Anti-Rushdie-Demo in seinem Wahlbezirk umzuschwenken auf "einer der größten Tage für den Islam und Großbritannien".

"Keith Vazeline", der "Teflon MP" hat fein Karriere gemacht, bis er 2019 über eine Stricher- und Koksgeschichte stolperte.

Ein Schönes an sind übrigens die vielen, vielen Bezüge auf Genreliteratur und -filme. Das geht los auf Seite 12 mit dem Bild der ersten auf dem Klettergerüst landenden Krähe aus "Alfred Hitchcocks großartigem Film". Das geht weiter auf Seite 37 mit dem unbekümmert-schrägen Vergleich von den Menschen, "für die er so fremd [blieb] wie ein grünes Männchen vom Mars oder Glibber aus dem Weltall" (wenn da mal original kein Blob unterwegs war) -

- Auf Seite 38 dann mal die Warnung eines Kenners vor dem, hm, verderblichen Einfluss der Genreliteratur: "Weniger schätzte er, dass [ein bestimmter Lehrer] ihn auch mit Tolkiens Herrn der Ringe bekannt machte, einem Werk, das sich in seinem Verstand wie eine Krankheit ausbreitete, eine Infektion, von der er nie wieder vollständig genas." Auch hübsch.

Dann lässt der junge sich auf dem Internat von einer Art Wehrkundeunterricht befreien:

"Während der nächsten vier Jahre verbrachte er die Mittwochnachmittage damit, aus der Stadtbücherei entliehene, in gelbe Schutzumschläge gehüllte Science-Fiction-Romane zu lesen"
(Seite 43)

Damit meint die berühmten "Gollancz Yellows" - das war DIE Hardcover-Edition der klassischen . Die heutige Reihe knüpft gestalterisch daran an:
en.wikipedia.org/wiki/SF_Maste

Schluss des Schlenkers, Fortsetzung O-Ton:

"Er wurde ein Experte für das sogenannte goldene Zeitalter der Science-Fiction-Literatur und verschlang Meisterwerke wie Isaac Asimovs 'Ich, der Robot', in dem die drei Robotergesetze festgehalten wurden; Philip K. Dicks 'Die drei Stigmata des Palmer Eldritch', Zenna Hendersons 'Pilger'-Romane, die wilden Fantasien des L. Sprague de Camp und ganz besonders Arthur C. Clarkes packende Kurzgeschichte 'Die neun Milliarden Namen Gottes' -

- die davon handelt, dass die Welt still und leise ihr Ende findet, sobald ihr geheimer Zweck, das Aufzählen aller Namen Gottes, von einer Schar buddhistischer Mönche mit einem Supercomputer erfüllt wurde. [...] Es war sicher nicht die größte Revolution in der Geschichte, dieser viereinhalb Jahre währende, von Schulkiosksnacks befeuerte Sturz ins Fantastische, doch jedes Mal, wenn er seine Schulkameraden von ihren Kriegsspielen hereinstolpern sah, erschöpft, verdreckt und mit blauen Flecken -

- übersät, wurde er daran erinnert, dass es durchaus lohnenswert sein konnte, sich zu behaupten."
(Seite 43)

Ende von Frühstück und alien cherry picking.

P. S. Apropos alien cherries, Entfremdung und hängen so was von eng zusammen; zeigt sich immer wieder.

über ein missglücktes, nie veröffentlichtes Frühwerk: "Hätte er den Roman einfach gehalten, ihn als politischen Thriller geschrieben, wäre vielleicht was draus geworden"
(Seite 63)

Und den Roman , der veröffentlicht wurde, ordnet er selbst als "Science-Fiction-Nacherzählung" eines sufischen Gedichts aus dem 12. Jahrhundert ein.
(Seite 65)

Und wer sitzt in der Jury, als 1981 den gewinnt? .

Ich sag's ja immer wieder: Die Begrenzung, die in der -Szene gern als Ghettomauer um ihr Genre wahrgenommen wird, ist von außen betrachtet oft nur ein niedriger Gartenzaun, über den du locker hinwegtreten kannst.

"Mit siebzehn habe ich in Los Angeles immer die Science-Fantasy-Treffen in der Innenstadt besucht. [...] Mit zwanzig gesellte ich mich zu kleinen Theatergruppen und begann mit anderen Literaturformen zu experimentieren. [...] Ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll. Aber sobald man aus dem Haus gegangen ist und zurückschaut, und sie drücken die Nasen gegen die Fensterscheiben, dann will man sagen: 'He, kommt schon, es ist gar nicht so schwer, kommt doch auch heraus!'"
, 1979

"Er hatte sieben gute Jahre, mehr als so manch einem Schriftsteller vergönnt sind, und in der nachfolgenden schlimmen Zeit sollte er für diese Jahre stets dankbar sein."

(, 2012, Seite 75)

sagte mal: "Ich mache mir nicht nur um die Bücher Sorgen, die gerade unter Beschuss sind. Sondern um die Bücher, die jetzt nie geschrieben werden. Die jetzt nie gelesen werden."

Und so denken Feinde offener Gesellschaften ja tatsächlich:

"Der sogenannte blinde Scheich Omar Abdel-Raman [...] erklärte, wäre Machfus für 'Die Kinder unseres Viertels' angemessen bestraft worden, hätte Rushdie es gar nicht erst gewagt, 'Die satanischen Verse' zu schreiben."
, Seite 145

"Seit einer Generation verfolgten die ethnischen Minderheiten in Großbritannien eine säkulare und sozialistische Politik. Und nun versuchten die Moscheen, dieser Politik den Garaus zu machen, damit die Religion wieder den Ton angab."

(, 2012, Seite 164)

Das galt auch für Berlin in den Achtzigern. Hier zeigte im Rückblick die Ermordung von 1980 schon früh, was sich da anbahnte. (Die Gedenkdemo damals war meine erste Demo.)

de.wikipedia.org/wiki/Celalett

Laut seinem Agenten Andrew Wylie vor einer Viertelstunde im Newsblog des Guardian sieht es nicht gut aus, auch wenn er wohl überlebt. Das ist bitter. So bitter.

Folgen

"wird nicht mehr beatmet und redet (und reißt Witze)"
am Samstagabend über

"Die Rezeption von aber hatte ihn, zumindest vorübergehend, dieser Freude beraubt, nicht aus Angst, sondern aus tiefer Enttäuschung. Wenn man fünf Jahre seines Lebens mit einem großen, komplexen Projekt ringt, es zu bezwingen versucht, unter seine Kontrolle bringt und ihm all die gestalterische Schönheit verleiht, die das eigene Talent bietet - und wenn es dann auf solch verzerrte, hässliche Weise aufgenommen wird, dann war es der Mühe vielleicht nicht wert."

Mal wieder ein Schlenker zu Persönlichkeiten der Zeitgeschichte, wie sie sich verhielten und was aus ihnen wurde:

"Die Pinters", also der Dramatiker und seine Frau, hielten Kontakt und verschafften Vater und Sohn Gelegenheit, sich bei ihnen zu treffen. (Seite 192)

Pinter wurde 2005 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. In seiner Rede wünschte er Bush und Blair für den "Banditenakt" der Irak-Invasion vor den Internationalen Strafgerichtshof. Er starb 2008 mit 78 Jahren.

"Keiner aber war [in GB] so unverblümt und gefährlich wie , der die Fatwa in mehreren Fernsehauftritten leidenschaftlich verteidigte und in einer Reihe öffentlicher Versammlungen (die auch von einigen Parlamentsmitgliedern besucht wurden) verlangte, man möge die Hand heben, um die einstimmige Ansicht aller Anwesenden kundzutun, dass der Verleumder und Abtrünnige getötet werden sollte."
(Seite 196)

Siddiqui blieb bis zu seinem Tod 1996 mit 64 Jahren ein "islamischer Aktivist".

"Angst lässt gute Menschen schlimme Dinge tun."

(, 2012, Seite 201)

"Seine Mutter flog trotzdem zurück [nach Pakistan], und niemand ist über sie hergefallen. Manchmal erkundigten sich Bekannte im Basar, wie es ihrem Sohn gehe, und drückten ihr Mitleid aus: ~so eine schlimme Sache~. Auch inmitten blutrünstiger Krawalle gab es also noch ein wenig Höflichkeit."

(, 2012, Seite 203)

"Bill Norris, der Chef der Vertriebsgesellschaft Central Books mit der literarischen Abteilung Troika Books, übernahm die Aufgabe [den Druck und Vertrieb von in GB) freudig und ohne Angst. Weil Central antifaschistische Literatur vertrieb, bekämen sie dauernd Drohungen, sagte Norris. Der Firmensitz stand bereits unter Schutz."

Was ich in alles so nebenbei erfahre.

(Seite 474)

Wie hat sich eigentlich Deutschland in Sachen Solidarität mit verhalten? Befragen wir das Register!

"In [...] Deutschland [...] hatte es weitere Demonstrationen gegen gegeben."

"[...] weigerte sich die Westberliner Akademie der Künste aus Sicherheitsgründen, eine 'Pro-Rushdie'-Demo auf ihrem Gelände zuzulassen, was dazu führte, dass Deutschlands bekanntester Schriftsteller und der Philosoph unter Protest die Akademie verließen."--

--(Seite 181)

"Überall in Europa kamen nun Übersetzungen des Romans heraus, so in [...] Deutschland. [...] Nachdem Kiepenheuer & Witsch in Deutschland den Vertrag mit ihm gekündigt hatte, wurde ein Konsortium von Verlegern, Buchhändlern sowie prominenten Schriftstellern und öffentlichen Personen gegründet, um den Roman im Artikel 19 Verlag herauszubringen, der ihn nach der Frankfurter Buchmesse herausbringen würde."
(Seite 234)

"Deutschland war Irans wichtigster Handelspartner. Also musste--

--er dorthin. Eine kleine, grimmige Bundestagsabgeordnete namens wollte dafür sorgen, dass er 'jeden traf'. Doch dazu musste er erst mal nach Bonn kommen, und mit Lufthansa und British Airways konnte er nicht fliegen. Thea Bock organisierte ein kleines, knallrotes Privatflugzeug, das aussah wie aus einer Erste-Weltkrieg-Story: 'Biggles und die Fatwa'. Es war so klein und altmodisch, dass sich ~die Fenster öffnen ließen~, und flog so niedrig, dass er fürchtete, gegen den nächsten--

--Hügel oder Kirchturm zu prallen. Es war, als würde man auf einem indischen Motorrollere sitzen - Luft-Rikscha. Glücklicherweise war das Wetter gut, es war ein sonniger, klarer Tag, und der Pilot steuerte sein kleines Töff-Töff ohne Zwischenfälle zur deutschen Hauptstadt, wo die von organisierten Treffen derart erfolgreich waren, dass die Iraner ziemlich aus der Fassung gerieten: Plötzlich wurde dieser Rushdie herzlich vom Parteivorsitzenden der SPD und von der--

--Bundestagspräsidentin und von zahlreichen bekannten deutschen Parlamentariern begrüßt; und weil der Außenminister gerade im Ausland weilte, wurde er auch noch vom Leiter der Kulturabteilung des Auswärtigen Amtes, Dr. Schirmer, empfangen. Der iranische Botschafter wetterte im deutschen Fernsehen, Deutschland wollte seine Beziehungen zum Iran doch gewiss nicht wegen dieses Mannes aufs Spiel setzen. Vielleicht seien sogar amerikanische oder israelische Killer auf ihn--

--angesetzt, die sich als muslimische Attentäter ausgäben, um den Iran schlecht dastehen zu lassen. / Am nächsten Morgen wurde Botschafter ins Auswärtige Amt zitiert. 'Wir werden Mr Rushdie beschützen', sagte der stellvertretende Außenminister. 'Nach unserer sehr deutlichen Aussprache ist er [der iranische Botschafter] darüber im Bilde.' Die Behauptung eines geplanten Mordes durch den amerikanischen oder israelischen Geheimdienst wurde als 'absurd' bezeichnet. Botschafter--

--Moussavian sagte, man habe ihn 'falsch zitiert'."
(Seite 407/408)

Auf Europa-Ebene lief die deutsche Haltung ein bisschen anders:

"Frances hatte [um Unterstützung] an geschrieben, der die EU-Ratspräsidentschaft übernommen hatte. Kinkels Antwort war eisern: Nein, nein und nochmals nein. Der neue Vorsitzende des Unterausschusses für Menschenrechte war ein Mitglied der konservativen CDU, was ebenfalls eine schlechte Nachricht war. Manchmal konnte man sich des Eindrucks nicht--

--erwehren, die Deutschen machten dem Iran in Europa den Büttel. Sie hatten ihre Besen gezückt, um ihn [Rushdie] wieder unter den Teppich zu kehren."
(Seite 490)

"Als er die Air-France-Maschine [...] bestieg, wurde eine junge Deutsche hysterisch und musste kreidebleich und schluchzend aus dem Flugzeug gebracht werden. Es gab eine Durchsage, um alle zu beruhigen. Die Passagierin habe das Flugzeug verlassen, weil sie sich nicht wohlgefühlt habe. Ein farbloser Engländer stand auf und zeterte. 'Oh, aha, keiner von uns fühlt sich ~wohl~. ~Ich~ fühle mich auch nicht ~wohl~. Vielleicht sollten wir ~alle~ aussteigen.' Er und seine Frau, eine Wasserstoffblonde--

--mit Betonfrisur, neonblauem Chanelkostüm und reichlich Goldschmuck, verließen das Flugzeug wie Herr und Frau Moses an der Spitze des Exodus. Glücklicherweise blieb es dabei, und Air France war bereit, ihn [...] zu fliegen."

(in: , 2012, Seite 493)

Zwischenfazit Islamische Welt:

"Europäische Muslime scheinen die Nase von der Fatwa ebenso voll zu haben wie ich. Holländische und französische Muslime haben sich dagegen ausgesprochen. Die französischen sind sogar für Meinungs- und Gewissenfreiheit! Aber in Großbritannien haben wir natürlich noch Sacranie und Siddiqui und all die anderen Bradford-Clowns, und deshalb gibt's viel zu lachen. Und in Kuwait will ein Imam die 'gotteslästerliche' Barbiepuppe verbieten. Hättest du je gedacht, dass--

--die arme Barbie und ich uns desselben Vergehens schuldig machen würden? Eine ägyptische Zeitschrift hat Auszüge aus zusammen mit anderen verbotenen Texten von gedruckt und gefordert, religiösen Wortführern solle das Recht aberkannt werden, zu bestimmen, was in Ägypten gelesen werden darf und was nicht. Übrigens hat sich der ägyptische Großmufti gegen die Fatwa ausgesprochen. Und in seiner Antrittsrede beim Treffen der Organisation der Islamischen Konferenz--

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